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Pilzwiderstandsfähige Weinreben (Piwis)

Verantwortlicher Autor: Rainer Welker Ramstein, 28.07.2023, 16:36 Uhr
Presse-Ressort von: Rainer Welker Bericht 7472x gelesen

Ramstein [ENA] Zu Zeiten starker klimatischer Veränderungen, die ohnehin einen größeren Stress für viele Reben bedeuten, von falschem und echtem Mehltau, von Schwarzfäule und Esca, von Botrytis und Grünfäule, und wie immer auch die Pilze und Krankheiten heißen kommt der Green Deal der EU der den Einsatz von Pflanzenschutz bis 2030 um 50% reduzieren will. In Schutzlagen (z.B Mosel) soll auf Pestizide ab 2030 ganz verzichtet werden.

Im weiteren Verlauf verzichte ich schon mal auf das Wort Pestizide und nenne es Pflanzenschutz, da dem Wort Pestizide (lateinisch pestis ‚Geißel‘, ‚Seuche‘ und lat. caedere ‚töten‘) schon etwas grauseliges anhaftet und ich den Artikel soweit als möglich neutral schreiben möchte. Angeregt durch einen Vortrag von Prof. Dr. Reinhard Töpfer, Leiter des Julius Kühn-Institutes (JKI) für Rebenzüchtung am Geilweilerhof bei Siebeldingen in der Südpfalz, möchte ich mich dem Thema nicht wissenschaftlich sondern mit Augen des Konsumenten und leidenschaftlichen Weintrinkers nähern.

Das JKI ist eine Einrichtung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Es beschäftigt sich neben der Rebzucht auch mit vielen anderen Themen der Landwirtschaft, wie Agrartechnik, dem Schutz aller Kulturpflanzen, Bienenschutz uva. Das JKI hat behördliche Aufgaben unter anderem im Bereich der Politikberatung zu landwirtschaftlichen Fragen, Erarbeitung von Regeln zum Pflanzenschutz, Prüfung von Pflanzenschutzgeräten.

In der EU wird auf 3,2 Mio. Hektar Weinanbau betrieben, das sind 5 % der Agrarfläche der EU. Auf dieser Fläche wird 2/3 des gesamten Pflanzenschutzes verwendet. Den Zahlen nach, ein Missverhältnis, dient doch der Pflanzenschutz in diesem Bereich nicht der Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung, sondern einzig dem Genuss und wirtschaftlichen Zwecken. Das Julius Kühn-Institut hat als Referenz einige dutzend Rebstöcke die seit Jahren von jeglichem Pflanzenschutz ausgenommen werden. Resultat: Keine einzige verwertbare Traube. Das ergibt den einfachen Nenner: Ohne Pflanzenschutz, kein Sekt, kein Cognac, kein Chardonnay, kein Bordeaux, kein Riesling, keine Weinfeste, einfach nichts. Das Leben wird trostlos.

Die Wissenschaft schaut natürlich nicht tatenlos zu und überlässt uns dauerhafter Trübsal und fehlender Lebensfreude. Als eines von vier Bundesinstituten für Rebforschung in Deutschland beschäftigt sich das Julius Kühn-Institut für Rebenzüchtung am Geilweilerhof bei Siebeldingen unter der Leitung von Prof. Dr. Reinhard Töpfer mit der Erforschung und Züchtung neuer Rebsorten, die Resistenzen gegen verschiedene Krankheiten aufweisen. Der Beginn von Kreuzungen resistenter Sorten und Wildreben geht auf das Jahr 1926 zurück. Am Geilweilerhof besteht bis heute eines der ältesten kontinuierlich durchgeführten Zuchtprogramme in Europa.

Ziel ist es, produktive und zugleich widerstandsfähige Rebsorten zu entwickeln, auch wenn für eine Neuzüchtung bis zur Marktreife 25-30 Jahre vergehen können. Diese „Zukunftsweine“ benötigen bis zu 80% weniger Pflanzenschutz gegen Pilzkrankheiten wie Mehltau und trotzen besser dem Klimawandel. Mit der Hilfe einer der größten, weltweit existierenden Genbanken wird nach neuen Rebsorten mit multiplen Resistenzen geforscht. Die Forschung läuft nicht im kleinen sondern ist weltweit vernetzt. Das Interesse an den deutschen Rebzüchtungen, obwohl eher für den kühleren Norden entwickelt, findet auch in anderen Weinanbaugebieten Europas vermehrt Zuspruch.

Im Zuge der sogenannte Resisdenzzüchtung werden natürlich vorhandene Abwehrmechanismen gegen Schädlinge und Schaderreger aus nahe verwandten Wildreben in unsere europäischen Edlen Weinreben eingekreuzt. Die Kombination der Widerstandsfähigkeit der Wildart mit der Qualität der europäischen Reben hat dabei oberste Priorität. Bis dies gelingt sind mehrere Kreuzungsschritte und langjährige Selektionen der besten Zuchtlinien nötig.

Um diese Arbeit effizienter zu gestalten, gelang 2005 die Einführung der sogenannten markergestützten Selektion (MAS) für Resistenzen. Molekulare Marker sind kurze DNA-Abschnitte, die eindeutig durch schnelle Gendiagnoseverfahren in einer Pflanze nachweisbar sind und deren Ort im Genom bekannt ist. Durch den Einsatz der MSA ist das Zuchtziel dauerhafter Resistenzen greifbar geworden. Im Bereich des echten Mehltau sind 4 Resistenzloci, Im Bereich falscher Mehltau 5 Resistenzloci und im Bereich der Schwarzfäule 2 Resistenzloci bekannt. Diese lassen sich in verschiedenen Kombinationen einkreuzen.

Es braucht nicht nur in der Forschung einen langen Atem, sondern auch Durchhaltevermögen und Experimentierfreude im Weinbau. Gilt es doch niemand geringeren als den namenlosen Verbraucher davon zu überzeugen, dass Calandris Blanc, Calandris Musque, Felicia, Phoenix, Villaris, Calandro, Reberger, usw Weine sind die es zu erkunden gilt. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig. Eine Ausnahme bildet der Rotwein Regent der seit 1996 zugelassen ist und durch seine gute Mehltauresistenz eine nennenswerte Anbaufläche in Deutschland hat. Gemeinsam mit den französischen Rebzüchtern der INRAE wurden unter den klimatischen Bedingungen des Südens zwei Rebsorten selektiert die seit 2018 den europäischen Sortenschutz genießen (Artaban und Vindoc).

Der Anteil der PIWIS am Weinbau ist aber noch sehr bescheiden. Mit gutem Willen wäre jedoch aus dem Stand ein Anteil von 25-30% möglich. Man denke dabei an die Möglichkeit der Versektung (z.B. Calandris Blanc), an Cuveès, oder die Möglichkeit der bis zu 15%igen Beimischung. In den genannten Fällen ist die Angabe der Grundweine (Sekt) oder der Beimischung (Cuveè) nicht erforderlich. Wein und Sekt muss schmecken. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Vom Labor in den Anbau – vom Anbau in die Flasche – von der Flasche ins Herz der Verbraucher!

Nun zu den Weinen aus dem Zuchtprogramm des JKI. Für meinen Gaumen gehören sie sicher nicht zu den Spitzenprodukten im Weinbau, aber zu den wirklich gut trinkbaren Alltagsweinen die ihre Berechtigung am Markt haben. Sie bekommen definitiv einen Platz in meinem Weinkeller, sobald ich die passenden mutigen Winzer gefunden habe. Für weitere Informationen in der Nachfolge, einfach dem Link zur Seite des JKI folgen.

----Calandris Blanc: Der Wein besitzt ein finessenreiches Aroma von Maracuja, Blutorange und frisch geschnittenem Apfel gepaart mit einem zarten, feinwürzigen Bukett und zeichnet sich durch eine spritzige Säure aus, durch die er auch als Sektgrundwein gut geeignet ist. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/calardis-blanc/ ----Calandris Musqué: Lebendige Säure und ein ausgeprägter, zuweilen an Traminer erinnernder Muskatton im Zusammenspiel mit exotischen Aromen wie Mango, Maracuja und Stachelbeere. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/calardis-musque/

---------------Felicia: Sensorisch steht FELICIA für einen leichten, feinfruchtigen Weintyp mit einer hintergründigen Säure. Das Bukett ist geprägt von zarten, floralen und fruchtigen Aromen, wie grüner Apfel, Aprikose und Banane, die in manchen Jahren mit einem dezenten, angenehmen Muskatton kombiniert sind. Der Wein besitzt darüber hinaus eine harmonische Säure. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/felicia/ ---------------Phoenix: Der Wein ist deutlich bukettiert mit dezentem Muskatton. Er ist vollmundig und ist durch seine reife Säure sehr ausgeglichen. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/phoenix/

---------------------------Villaris: Die Weine erinnern vielfach in Geruch und Geschmack an weiße Burgunderweine mit mild ansprechender Säure. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/villaris/ ---------------------------Calandro: Es ist ein mediterraner, gehaltvoller und stoffiger Weintyp. Seine Charakteristik zeichnet sich durch Beerenaromatik und rauchige Noten aus. Der hohe Tanningehalt erfordert eine Reifephase. Dies beschert ihm eine lange Lagerfähigkeit. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/calandro/

---------------------------Reberger: Kräftig und mit gut eingebundenen Tanninen. Das Bukett von REBERGER ist vielfältig. Die fruchtigen Aromen stehen im Vordergrund und erinnern an Sauerkirsche, Pflaume, Heidelbeere, Holunderbeere und auch ein wenig nach Himbeeren. Die Tertiäraromen schmecken nach Vanille, Tabak und Nelken. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/reberger/ -----------------------------Regent: Die tiefdunklen Weine sind körperreich mit einer guten Balance von Tanninen und Aromen und erinnern oft an Rotweine südländischer Herkunft. Charakteristisch für REGENT ist der kräftige Geschmack nach Kirschen, Brombeeren, Heidelbeeren und Kakao. https://www.julius-kuehn.de/zr/ab/zuechtung-neuer-sorten/regent/

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